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Rollentausch oder: Erkenntnisse per Internet
Liebe Freundinnen und Freunde von Samt und Seide, in der Kolumne diesen Monats möchte ich Ihnen von meinen Gedanken und Erlebnissen berichten, die ich während eines Experimentes im vergangenen Winter gemacht hatte. Bestimmt hat der eine und die andere von Ihnen sich auch schon mal in einem Flirt-Forum angemeldet. Bei fast allen gibt es einen Chatroom, in dem gebaggert wird, dass die Tastatur qualmt. Dabei entblöden sich insbesondere meine männlichen Geschlechtsgenossen zu Hauf, die anwesenden Frauen mit unterirdisch schlechten verbalen Sexattacken anzumachen. „Hey Süße, willst du ficken?“, ist eine der meist gebrauchten Floskeln, die standardmäßig von völlig notgeilen, Testosteron geplagten und gleichzeitig – was Charme und Niveau betrifft, komplett schmerzfreien Testikelträgern durchs Netz geschickt wird. Aber auch in den eMails gehen sie von Anfang an unverblümt zu Werke, wie mir viele meiner weiblichen Bekannten berichteten. Unabhängig von der Tatsache, dass auch Frauen im Chat schwerpunktmäßig durchaus auf sexuelle Abenteuer aus sind, möchten die meisten von ihnen dennoch zumindest beim ersten Mal wenigstens halbwegs galant angesprochen werden.
Um diesen platten Anmachen einmal selbst auf den Grund gehen zu können, meldete ich mich also unter einem weiblichen Nick in einem Forum an. Um wirklich sicher zu sein, mit erotischen Plattitüden bombardiert zu werden, wählte ich einen entsprechend provokanten Namen. Und tatsächlich, schon nach wenigen Sekunden klickten mich bis zu fünf Männer auf einmal an, um mir ihre Liebeskünste anzubieten. Hemmungslos beantworteten sie mir schon nach wenigen Sätzen intime Fragen nach der Schwanzgröße und ihren sexuellen Vorlieben. Umgekehrt bedrängten sie mich dazu, ihnen meine Handynummer zu geben oder fragten nach, ob ich MSN habe. Als „erotisches Vollweib“ versuchte ich natürlich, mit den Männern Jojo zu spielen, sie also mit „Zuckerbrot und Peitsche“ zu behandeln. Ich war fasziniert und zugleich zutiefst erschüttert, wie willfährig sie dies mit sich geschehen ließen! Fassungslos stellte ich fest, welche Macht allein meine geschriebenen Worte auf die Männer ausübten, und wie sie sich zum Kasper machten, nur um sich eventuell mit mir treffen zu können. Hatte ich schon früher Schwierigkeiten, die meisten meiner Geschlechtsgenossen ernst zu nehmen, so verlor ich nun vollends den Respekt vor meiner Gattung! Wie kann „Mann“ sich mit der Aussicht auf einen Fick nur dermaßen erniedrigen? Wie kann eine Frau so einen Homunculus ernst nehmen, es sei denn, sie ist tatsächlich nur auf eine schnelle Nummer aus? Und selbst dann ist es klar, dass immer sie diejenige ist, die entscheidet, ob es zu einer „Vereinigung“ kommt, oder nicht.
Auf der anderen Seite wurde mir klar, wieviel Macht man als Frau besitzt und wie leicht Frauen es haben, über Glück und Leid von uns Männern zu bestimmen! Damit einhergehend stellte sich mir die Frage, wie es sein kann, dass so viele Frauen sich „klein machen“ (reicht es nicht aus, dass der Mann zumindest körperlich „größer“ ist?) und „unter Wert verkaufen“, sprich, den zahllosen Männern die Treue halten oder gar hinterherlaufen, obwohl sie sie Tag für Tag wie ein Stück Dreck behandeln? Warum reden sie sich ihre Beziehung mit den wenigen Tagen schön, an denen der Mann nicht sein Ego oder den Macho heraushängen lässt? Einen schönen Gruß an den „Selbstbeschiss“! Sind wir letztlich doch alle „vor den Hormonen“ gleich? Haben sie mehr Macht als unser Verstand? Führen meine Erkenntnisse wieder einmal dazu, dass Frauen und Männer gar nicht so unterschiedlich sind, sondern mangelndes Einfühlungsvermögen und fehlende Bereitschaft an konstruktiver und respektvoller Kommunikation uns das Miteinander so schwer machen?
Wie auch immer, ich folge jetzt dem Ruf meiner Hormone und werde mich auf meine Liebste stürzen, um wieder einmal nach dem „kleinen Unterschied“ zu suchen ...
In diesem Sinne, viel Spaß beim Sex unter der heißen Augustsonne wünscht Ihr
Matthias Kayser
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