Amelie

Tag der Liebe
Erzählung

Zum Kuscheln, wie sie es nannte, hatte er keine Zeit. Auch nicht dazu, worauf sie danach Lust gehabt hätte. Er bemerkte nicht einmal ihre unausgesprochene Bitte. Nur eines war für ihn von Bedeutung, sie möglichst schnell, ohne viele Worte machen zu müssen, flach zu legen, was er wiederum, wie er es nannte, einfach toll fand.
Bis zum Schlafzimmer war ihm der Weg zu weit. Also fiel er wie ein wild gewordener Büffel im Treppenhaus über sie her und warf sie rücklings auf die Stufen.
Der Mann war groß und stark. Es hätte keinen Sinn gehabt, ihn abzuwehren. Auch wollte sie das gar nicht so richtig, denn ihre Wünsche waren dieselben, wie die seinen. Nur hatte sie mehr Zeit für Zärtlichkeiten und erotische Spielereien erhofft.
Vergebens. Er bedrängte sie, als wolle er sie umbringen. Sie schrie leise. Darauf reagierte er noch wilder, hielt ihre Arme fest über ihrem Kopf auf die Stufen gepresst und hämmerte seinen Unterleib gegen ihren Schoß, als ginge es darum eine Spalte im Guinness-Buch der Rekorde auszufüllen.
Zuerst fühlte sie nur den Schmerz und war überwältigt, fast ohnmächtig von dieser rohen Art ihres Mannes. Aber ganz langsam stieg eine unfassbare Glut in ihr hoch und sie begann seine brutalen Attacken zu genießen. Es ging sogar so weit, dass sie, als er in seiner Heftigkeit nachzulassen drohte, ihn anfeuerte:
„Weiter so! Tu‘s doch!“
Sie flüsterte Worte, von denen sie zuvor nicht einmal geahnt hatte, das es sie gab. Und sie bäumte sich nicht gegen ihn, sondern mit ihm in wildem Verlangen auf.
„Tu‘s doch!“
Er keuchte.
„Ja, ja , jaaaa!“
Ihre Körper vollführten einen wilden Tanz der Ekstase, der in seiner Art zwischen Angriff und Abwehr hin und her zu schwanken schien. Aber noch war ein gewisses Etwas in allem, das mehr ein Mit- als ein Gegeneinander vermuten ließ.
Plötzlich wollte auch er die Minuten länger machen und seine Hast verblasste. Wohllust und Gier verwandelten sich in erotisches Fieber, und seine vormals brutalen Attacken waren nicht mehr von Gewalt, sondern von wilder Leidenschaft geprägt.
Sie bemerkte die Veränderung gerade in den Momenten, wo ihr seine sadistische Art zu gefallen begann und je mehr er zur Normalität zurückfand, desto enttäuschter reagierte ihr Körper. Ihre Gedanken rissen sich von ihm los und schweiften zurück in die Bremer Diskothek, wo Normalität Ausgrenzung und SM normal waren.
Anfangs noch, als Freunde sie beide mitgenommen hatten, war sie von der fast gespenstigen Atmosphäre wie verzaubert. Die unheimlich wirkenden, in Lack und Leder gepressten Körper, Ketten, Peitschen und Handschellen statt Schmuck, und erst die Gewalt der Musik! Aber nach und nach fühlte sie sich immer fremder in diesen Kreisen, wo nur Unterwerfung und Unterwürfigkeit Lust, und Gewalt gepaart mit Leidensbereitschaft Vergnügen zu bereiten schienen.
Sie war sich sicher gewesen, dass sie eine ganz normal reagierende Frau sei. Und nun das. Sie hatte plötzlich Gefallen an etwas empfunden, das sie als Perversion bei den „Anderen“ belächelt hatte.
Was war mit ihr geschehen?

Plötzlich war sie unsagbar traurig. Doch diese Traurigkeit galt nicht der zärtlichen Vergangenheit ihrer ersten Ehejahre, sondern vielmehr der Zärtlichkeit des Moments, in die der Mann verfiel. Er hielt sie sekundenlang ganz still im Arm, zog sie dann ungemein sanft von der Treppe hoch, wobei er mit seinen Armen ihren Körper umschloss. Nichts von dem Eroberer war mehr in seinen Bewegungen, eher Ängstlichkeit, er könne ihr weh tun.
„Tu‘s doch! Tu‘s doch!!“ dachte sie immer und immer wieder.
Er strich ihr übers Haar und flüsterte:
„Vergib mir, ich liebe Dich“...
So standen sie minutenlang auf der Treppe. Ihre Knie zitterten. Sie fror. Er stand ganz still. Sein Körper roch nach Mann und mehr. Dieser Mann. Dieser Duft. Sie sog alles ein.
„Tu‘s doch!“ flüsterte sie und lehnte sich in seinen Armen zurück.
Der Mann folgte ihrer Bewegung und küsste sie auf die Lippen, Wangen, Nase und Stirn, dabei fielen sie übereinander zurück auf die Treppe. Sein Gewicht erdrückte sie fast, die Stufen schmerzten im Rücken. Wie ein neu entfachtes Feuer fühlte sie diesen Schmerz.
„Tu‘s!“ schrie sie.
Aber er tat nichts. Nur sein ganzer Leib zitterte.
Sie fühlte dieses Zittern wie kleine feiste Wellen auf ihrer Haut.
„Komm!“
Er kam nicht.
Er weinte.
„Das habe ich alles nicht gewollt!“ presste er hervor.
„Ich liebe Dich doch. Ich wollte Dir nicht weh tun. Ich liebe Dich!“
„Tu‘s doch!“ schrie sie.

Er überlegte, ob er ihr den Mund verbieten dürfte, aber er unterließ es und hörte stattdessen zu, wie sie immer wieder ihren heftigen Bittbefehl hervorstieß.
„Tu‘s doch! Tu‘s doch endlich!“
Dann schwieg auch sie.
Tränen und Schweiß verschmolzen zu einer kalten Flüssigkeit.

Und morgen ist Valentinstag.
Der Tag der Verliebten.
Der Tag der Liebe...


© 2006 by Roman